Was in der öffentlichen Wahrnehmung der Fotografie so alles schief läuft







Da war sie, die Nachricht, auf die wir alle gewartet hatten. Auch Supermodelle werden alt und sehen alt aus, wenn sie nicht geschminkt sind, oder wie man heute heute sagt: gephotoshopt.


Wir, das sind alle, die Bilder von sich in sozialen Netzwerken sehen, die wir selbst eingestellt haben oder die jemand anderes gepostet hat. Was uns dann oft nicht so gut gefällt, mir zumindest nicht. Schließlich lieben die Menschen das Gefühl, über das eigene Leben die Kontrolle zu behalten und das ist verständlich, schließlich geht es ja auch um die Außendarstellung und das damit verbundene Selbstwertgefühl.


Und dann kommt dieses Supermodell, das auch mit fast 50 kaum ein Mann von der Bettkante stoßen würde, und veröffentlicht ein Bild, das einen ungestrafften Bauch zeigt und gealterte, unreine Haut. Was für eine Befriedigung! Ab jetzt kann in Ruhe gealtert werden. Und natürlich hat die Crawford dafür viel Lob verdient, das ist ja fast vergleichbar wie bei meinem Lieblings-Western-Schauspieler Clint Eastwood, der erst den Spaghetti-Western mit erfand und sich selbst dann im Alter vom Superhelden-Thron stürzte im Film "Erbarmungslos", der ihn als alternden, gescheiterten Killer darstellt. Lob bekommt die Crawford auch schnell von anderen Frauen, so von der Schauspielerin Jamie Lee Curtis, an die ich mich noch gut erinnern kann, da ich "Ein Fisch namens Wanda" gesehen habe, da fand ich sie lustig. Die veröffentlichte ein Bild von sich in Unterwäsche neben dem Bild des Supermodells und so machen wir das jetzt alle, muß nur einer damit anfangen.


Gesichter-Retusche Apps für das Smartphone
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Blöderweise stimmt das alles gar nicht, hat jetzt der Spiegel veröffentlicht.


Bei dem Crawford-Bild handelt es sich um einen Leak, auch so ein neues Wort. Das Bild war Teil eines banalen Fotoshootings der Zeitschrift Marie Claire im Jahre 2013 und irgendwer hat sich einfach eine unretuschierte Version eines der Bilder angeeignet und dann veröffentlicht. Das Bild war nie als Wagnis einer mutigen Frau gedacht, sich mit dem Altern auseinanderzusetzen, sondern es hätte bearbeitet werden sollen, retuschiert, so man es denn für das Magazin ausgewählt hätte. Eben wie die anderen Bilder der Serie auch. Glaubhaft wird das, wenn man sieht, wie die auf Instagram geposteten Bilder des Modells alle glatte Haut und einen alterslosen Körper zeigen, so wie sie sich wohl am liebsten selbst auch sieht, schließlich geht es ja auch um Außendarstellung und Selbstwertgefühl. Womit mir die Jamie Lee Curtis jetzt einerseits leid tut, da sie quasi ein Fake-Opfer geworden ist und andererseits als wahre Heldin dazustehen scheint. Aber ich will mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, vielleicht ist ihr Foto ja auch nur ein Leak…?!


Ob Leak oder nicht, jedenfalls gab es da jetzt auch diesen Fall der Sabrina D., die mit dem Football-Profi der New England Patriots, Edelmann, in die Kiste gehüpft zu sein scheint. Und die ein Selfie von sich auf der Dating-App Tinder veröffentlichte, das betitelt war mit "Just fucked Edelman no lie". Da fragt man sich doch gleich: wem hilft so etwas, wer hat was davon ? Diese junge Dame, die sich selbst als Groupie geoutet hat, schien sehr stolz auf die neben ihr schlafende Jagdtrophäe zu sein, so machte es zumindest den Anschein, bis der soziale Shitstorm über sie hereinbrach und sie das Bild schleunigst löschte. Einige Medien vermuten nun, daß es in diversen sozialen Netzwerken zu Groupie-Wettkämpfen kommen könne, frei nach dem Motto: "Mein Star ist berühmter als deiner". Den Edelman kannte zumindest in Deutschland vor dieser Geschichte ja auch kein Schwein. Vielleicht will er ja in die Bundesliga?! Da beruhigt es mich, zumindest irgendwo gelesen zu haben, daß in amerikanischen Museen nun diese Selfie-Stangen verboten werden, da man Angst hat, sie könnten die Kunstwerke beschädigen. Sehr vernünftig!


Tinder-App Dating-Selfie im Selbstversuch
Tinder-App Dating-Selfie im Selbstversuch




Das alles zeigt in einem erschreckenden Ausmaß, was Bilder anrichten können, wenn sie in die falschen Hände gelangen, oder schlimmer, von den falschen Händen hergestellt werden. Von falschen Herzen, mit falschen Hintergedanken, ohne jede Skrupel und Moral.


Der Mensch an sich sollte die Finger von Kameras lassen und damit aufhören, überall ungefragt und willenlos herumzuknipsen. Am besten noch unbemerkt und auf der Suche nach dem noch größeren Skandal. Das Ergebnis ist doch am Ende meist nur, daß der "Autor" des Bildes wüst beschimpft wird oder, wie im Falle der Sabrina D., den Eintritt in von Football-Spielern frequentierten Nachtclubs verweigert bekommt.


Und was machen die Gerichte ? Sie verbieten unter vorgeschobenem Sexismus-Schutz die Strassenfotografie. Eine Katastrophe für die Fotografie, eine Katastrophe für viele professionelle Fotografen und eine echte Katastrophe für das öffentliche Gedächtnis von Städten und Gemeinden. Unterstützenswert in diesem Zusammenhang ist der Fall des Ostkreuz-Fotografen Espen Eichhöfer, der nun in die zweite Gerichtsinstanz geht. Es geht um eine Aufnahme, die der Fotograf im Rahmen einer Ausstellung gezeigt hat und auf der sich eine Passantin wiedererkannte. Nach der Frage nach Schmerzensgeld geht es nun primär darum, daß ein Richter die Grundsätze der Streetphotography neu definieren soll, wofür Eichhöfer durch die Instanzen gehen will. Es geht um nichts Geringeres als um die Freiheit der Kunst und der Ausgang dieses Prozesses geht sicher alle an Fotografie interessierten Menschen an. Auf dem Spiel steht die Frage, ob wir in Zukunft noch in der Lage sein werden, etwas über den Zustand unserer Gesellschaft zu erfahren. Durch Fotografie, hergestellt von Profis.


Streetphotography - Bald nicht mehr möglich ?
Streetphotography - Bald nicht mehr möglich ?