Erkenntnisse auf der Photokina







Was ist die Zukunft der Fotografie ? Der Weg hinein führt über die Erkenntnis der Vergangenheit. Ein Besuch auf der Photokina 2014


Es ist der erste Tag der Photokina 2014 in Köln und ich warte inmitten hunderter Besucher am Haupteingang darauf, eingelassen zu werden. Wir werden begrüßt von riesigen Bildern, die gladiatorenartig gekleidete Männer zeigen, wie sie auf einem Fest in Italien einer mir unbekannten Tradition nachgehen. Das ist die aktuelle Canon Werbekampagne und ich frage mich, da wir noch ein wenig Zeit haben, bis der Einlaß beginnt, ob die schier übermäßig großen Bilder mit einer Canon Kamera gemacht worden sind. Wäre es der Fall, hätte ich noch nie so große DSLR-Vergrößerungen gesehen, was mich irgendwie positiv stimmt. Größe ist eben doch wichtig, denke ich, aber das schafft dann meine Canon schließlich auch. Mit dem Gedanken „Es wird doch alles gut!“ schieben wir uns schließlich langsam in die Messehalle.

Canon Werbekampagne am Eingang der Fotokina
Canon Werbekampagne am Eingang der Fotokina




























Ich habe die letzten Editionen der Fotokina verpasst, von daher bin ich besonders gespannt auf die neuesten Trends und Entwicklungen der Fotoszene. Die letzten Jahre haben in der Fotografie einschneidende Veränderungen mit sich gebracht, besonders für die Fotoproduzenten und den professionellen Bildermarkt. Kein Fotograf, den ich kenne, redet gerne über diese Veränderungen oder bezeichnet sie als eine Entwicklung in Richtung auf eine bessere Zukunft. Und die wenigen, die ich auch kenne und die innovative Sachen machen, die zukunftsweisend sind, reden noch viel weniger darüber, denn sie fürchten, daß andere kommen könnten, die ihnen ihren Platz streitig machen. Im Moment herrscht eine große Unsicherheit über die Zukunft, die ein Freund von mir aus Hamburg so in Worte fasste: „Es ist nicht leicht, heute mit der Fotografie glücklich zu sein.“
Ein Satz, der mich nachdenklich gemacht hat, obgleich man beim Betreten der Messe sehr schnell jede Menge Fotokram zu sehen bekommt, der das Herz eines Fotoliebhabers höher schlagen läßt. Und genau das ist wohl der springende Punkt, der mir im Laufe des Besuchs auf der Messe klar wird: Die Demokratisierung der Fotografie schreitet voran, unaufhaltsam wie eine Walze. Das ist allerdings nicht neu. Seit der Erfindung der Fotografie, in ihrem langen Weg vom Pionier zum Selfie hat sie eine spannende Entwicklung durchlaufen. Als im Jahre 1826 Joseph Niecéphore Niepce von der Fensterbank seines Arbeitszimmers aus das erste Foto der Weltgeschichte machte, bestand die Kamera nur aus einer kleinen hölzernen Kiste mit einem Loch und einer Linse darin. Diese Camera Obscura stand dort 8 Stunden lang und war weit davon entfernt, eine GoPro zu sein. Drei Jahre später hatte Luis Daguerre schon die Daguerrotypie erfunden und sogleich der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt, was ihm von der Französischen Akademie der Wissenschaften eine Lebensrente einbrachte. „Ich habe das flüchtige Licht ergriffen und es eingefangen. Ich habe die Sonne gezwungen, Bilder für mich zu malen, “ zitiert man ihn ein wenig pathetisch aus dem Jahre 1839.

Auch Stative werden massentauglich, nämlich bunt
Auch Stative werden massentauglich, nämlich bunt




























Seine Belichtungszeiten lagen damals bei etwa einer Minute, was auch daran lag, daß er schon lichtstarke Objektive aus deutscher Produktion verwenden konnte. Heute verwenden Liebhaber der Landschaftsfotografie diese Technik im großen Stil, indem sie Neutraldichtefilter vor die Kameras schrauben, weil man damit wunderbar Wasser in ätherische Zustände verwandeln kann.
Naja, der Weg hin zum Massenmedium war lang und noch hatte sich die Industrie nicht im großen Stile ihrer bemächtigt. Aber noch kurz zur Historie. Einer der nächste Schritte hin zur Massentauglichkeit vollzog sich durch den Bildhauer Scott Archer. Er setzte Kollodium ein, das er aus einem Sprengstoff löste. Kollodium war eine klebrige Masse, die aber praktischerweise gut auf Glasplatten kleben blieb und sich für die Fotografie prima eignete. Der Nachteil war, daß die Empfindlichkeit des Materials nachließ, sobald es getrocknet war, weswegen es naß gehalten werden mußte. Aber die Menschheit bestand eben aus wagemutigen Draufgängern, denen es nichts ausmachte, ihr eigenes Labor mit sich herumzuschleppen. Die sogenannten „Naßplatten-Fotografen“ hatten eine Kamera dabei, ein Stativ, ein lichtdichtes Zelt inklusive Dunkelkammer, eine Kiste für die Glasplatten, Chemikalien und sogar Wasser. Viel Aufwand, möchte man meinen, aber man bedenke, was so mancher Fotograf auch heute an Material mit sich im großen Fotorucksack herumschleppt. Ich stelle es mir jedenfalls ziemlich abenteuerlich vor, wie die Bilder in dieser Epoche zustande kamen. Zwischen 1851 und 1871 entstanden so die ersten Sozialportraits auf der Strasse und Kriegsaufnahmen von sich ausruhenden Soldaten nach einer Schlacht.

Nächstes Jahr liegt hier auch mein Buch
Nächstes Jahr liegt hier auch mein Buch, wenn der liebe Gott und der Verlagsleiter es so wollen





























Diejenigen, die sich das Können zu eigen machten, um Fotografien herzustellen, seien es jetzt die nächsten aufkommenden Techniken wie Ambrotypien oder Ferrotypien, waren meist Abenteurer mit einem ausgeprägten Sinn fürs Geschäft. Viele Namen dieser Helden sind im Fluß der Zeit versunken, sei es, weil sie ihre Bilder nicht richtig beschrifteten, sei es weil Autorenschaft und Copyright damals noch nicht auf der Tagesordnung standen. Am meisten Gewinn versprach die Portraitfotografie. In den Städten etablierten sich Portrait-Studios, wie wir sie heute noch vereinzelt in den deutschen Innenstädten vorfinden, und so mancher Fotograf unternahm weite Reisen auf der Suche nach seiner Kundschaft. Das war die Zeit der Wanderfotografen. Die Ferrotypie, ein beliebtes Verfahren in den 1860er Jahren hielt sich bis weit ins 20.Jahrhundert. Sie war schnell erlernbar und billig in ihrer Herstellung. Die dabei entstandenen Bilder konnte man sogar in der Geldbörse mit sich herumtragen. Das hatte zur Folge, daß die Fotografie ihren Status als Objekt der Wohlhabenden einbüßte. Die Demokratisierung der Fotografie ist ein Thema, das uns bis heute verfolgt, genau wie das Gejammer der Berufsfotografen, das man wohl erstmalig gegen Ende des 19.Jahrhunderts vernahm. Die neuen Methoden waren zwar immer noch schwarzweiß, aber wurden sicher schon damals von den etablierten Fotografen abgelehnt. Vielen Pionieren blieb wohl auch schon damals nichts anderes übrig, als mit der Zeit zu gehen, oder irgendwann als veraltet zu gelten.

Apple's Gegenwart war auf der Photokina überall spürbar
Apple's Gegenwart war auf der Photokina überall spürbar





























Das ist irgendwie vergleichbar mit heute. Alle, die im Besitz eines Smartphones sind, das einigermaßen gute Bilder produziert, machen damit auch ihre Fotos und das führt unweigerlich dahin, daß der Fotograf als Dienstleister ausgedient hat. Als Dienstleister im traditionellen Sinne, als Dokumentarist, als Knipser. Neulich erst erzählte mir ganz stolz eine gute Freundin, die romanische Kirchen restauriert, daß in ihrem Beruf die Fotografie eine große Rolle spielt, denn sie müsse häufig die Fortschritte ihrer Arbeit dokumentieren. Das klang in meinen Ohren fast wie ein Auftrag und ich sah mich schon übers Land fahren und mein Stativ in alten Kirchen aus dem 12.Jahrhundert aufbauen. Als mir dieser Gedanke durchs Hirn ging, sagte sie: „Jetzt hat mir mein Freund ein iPhone gekauft und damit kann ich alles machen. Das macht tolle Bilder.“
Ein wenig ernüchternd, aber so ist das. Eigentlich hätten wir, die Fotografen, das schon seit langem wissen müssen. Dann hätten wir uns vielleicht besser darauf vorbereitet.