My mother's memory







Beim Durchblättern fand ich sie. Sie sprangen mir förmlich entgegen. Sie waren mutiliert, amputiert, das Ergebnis einer Resektion. Sie waren beschnitten, ein Teil von ihnen war entfernt worden. Ich musste sie herausnehmen und ihnen etwas Besseres anbieten, ein neues Zuhause vielleicht. Viel zu lange hatten sie schon verweilen müssen inmitten all der anderen ordentlich eingeklebten Bilder.
Inmitten der quadratischen oder rechteckigen, horizontal oder im Hochformat aufgenommenen Bilder, denen dieses Schicksal erspart geblieben ist. Inmitten anderer Bilder, die auch vielleicht nur Glück gehabt hatten und die der Schere entgangen waren, weil die auf ihnen abgebildeten Personen es nicht verdient hatten, herausgeschnitten, abgetrennt oder einfach gelöscht zu werden. Gelöscht aus dem Familienalbum meiner Mutter.


Jedenfalls hat eine kleine Auswahl von Fotografien, entstanden zwischen 1930 und 1998, einfach bloss Pech gehabt. Sie fielen der Emotionalität eines Menschen zum Opfer, der ungebremsten Wut und Leidenschaft, gerichtet auf das Abbild einer Person aus einer längst vergangenen Zeit, doch immer noch präsent durch die Nähe eines Fotos, eingeklebt und auf der Rückseite beschriftet mit der meinem Vater eigenen Gründlichkeit. Einer Wut, die sich Bahn gebrochen hat, die kein Halten kennt, einmal frei gelassen, und die von der Erinnerung lebt und sich von ihr alimentiert. Eine Wut auf der Suche nach einem Opfer. Und eine Form der Bildmanipulation, die ich so bisher auch noch nicht gesehen habe.





Fotografien, eingeklebt in Alben, funktionieren sehr gut als eine Art Beweismaterial. Sie bestätigen etwas, woran wir uns erinnern, das aber immer weiter zurückliegt und somit anfängt zu verblassen. Sie sind der Beweis, dass sich Dinge doch abgespielt haben, auch wenn die Fotos vielleicht nur Momente darstellen, die in einem zeitlichen Rahmen passiert sind zu dem, an was wir uns von damals erinnern können. Wir glauben den Fotos, besonders den eigenen. Sie sind frei von Schuld, frei von Manipulation, sie sind im privaten Rahmen der Zeuge einer gemachten Erfahrung. Sie konfrontieren uns auf intime und qualvolle Art und Weise mit der Realität des menschlichen Alterns, gleichsam wie ein Inventar der Sterblichkeit. Sie zeigen Menschen an einem bestimmten Zeitpunkt ihres Lebens und bringen sie in Verbindung zu Objekten und Orten, die einen Augenblick später bereits wieder getrennt waren, einer Veränderung unterworfen, weiterlebend im eigenen Schicksal.

My mother's memory, Ohne Titel, 30x40, Edition of 3
My mother's memory, Ohne Titel, 30x40, Edition of 3

Fotografien decken eine verborgene Wahrheit auf und konservieren eine entscheidende Vergangenheit. Sie sind Kunstprodukte, haben aber ihren Reiz in einer Umgebung, die übersäht ist von fotografischen Relikten. Sie sind Fundobjekte, zufällige Ausschnitte der Welt. Sie profitieren gleichzeitig vom Prestige der Kunst und von der Magie der Wirklichkeit. Sie sind Gebilde der Phantasie und winzige Informationssplitter. Ihre Unschuldigkeit und ihre Beziehung zu einer vergangenen Realität lassen nur einen Schluß zu: Schuldig gemacht haben sie sich nicht, sie sind nur zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort gewesen. Das Foto stellvertretend für die Gegenwart eines einst nahen Menschen symbolisiert durch den Beschnitt den Versuch, die Erinnerung an diesen auszulöschen und nur einen Teil dieser Erinnerung zu behalten.

My mother's memory, 15.3.1961, 30x40, Edition of 3

Das ist so, als würde man aus dem Film Star Wars die Figur des Luke Skywalker heraus retuschieren und sich den Film dann trotzdem unverändert ansehen, eben nur ohne die aktive Beteiligung dieses einen Hauptdarstellers. Oder wie bei diesem Adam und Eva - Fernsehformat, wo ein Kamerateam eine nackte Frau und einen nackten Mann im Dschungel bei ihrem Überlebenskampf begleiten: Die Akteure sind tatsächlich nackt, aber der Zuschauer bekommt weder eine weibliche Brust noch ein männliches Geschlechtsorgan je zu Gesicht, denn die sind immer verdeckt durch einen digitalen Nebel, hinein komponiert in der Postproduktion. Der Zuschauer gewöhnt sich aber mit der Zeit an diese Geschlechtslosigkeit der Akteure und kann sich so besser auf die Versuche konzentrieren, wie die Akteure vergeblich versuchen, im Dunkel Feuer zu machen, weil sie jämmerlich frieren.

My mother's memory, Magicstick Pictures, 26.9.1981, 30x40, Edition of 3
My mother's memory, Magicstick Pictures, 26.9.1981, 30x40, Edition of 3

Die Gefühle, die meine Mutter beim Betrachten überkamen, müssen das im Menschen veranlagte Gefühl der Reaktion auf die vergangene Jugend um ein Vielfaches überstiegen haben. Die Erinnerung an eine bestimmte, konkrete Person, von der ich weiß, daß sie nicht mehr unter den Lebenden weilt, hat in ihr ein Verlangen geweckt, den Bildern ein symbolisches Leid zuzufügen, stellvertretend für die Person, die auf ihnen abgebildet war. Das ist wie Auge um Auge, Zahn um Zahn, Bild-Beschnitt für zugefügtes Leid. Auch ein wenig Vodoo-Zauber vielleicht, aber es besteht die Möglichkeit, daß sich meine Mutter nach diesem Akt besser konzentrieren konnte.

My mother's memory, 421, 30x40, Edition of 3
My mother's memory, 421, 30x40, Edition of 3














































Wobei der Grad der Konzentration sehr unterschiedlich war. So als ob einigen Bildern eine andere Form der Zerstörung zuteil geworden ist als anderen. Es gibt den präzisen Eingriff von außen, der den Bildrahmen durchbricht, der wie ein Guerilla-Krieger zuschlägt und dann durch den Rahmen nach außen wieder verschwindet. Es gibt den einfachen Abschnitt eines Bild-Teils und sogar den Abriß, der beim Betrachter eher den Eindruck eines Köderfisches erweckt, der eben noch lebendig am Haken hing und nun aus dem Wasser gezogen wird, halb von einem großen Raubfisch gefressen.

My mother's memory, Ohne Worte, 30x40, Edition of 3
My mother's memory, Ohne Worte, 30x40, Edition of 3














































Es ergeht Dank an meine Mutter für ihre Großzügigkeit im Umgang mit ihren Bildern und ihrer Vergangenheit, sowie Susan Sontag für inspirierende Gedanken zum Thema.